Am 9. November wurde in Deutschland der 25. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Ein Tag mit besonderer Bedeutung für Deutschland, wie man den unzähligen Medienbeiträgen entnehmen konnte. Warum der 9.November geschichtsträchtiger war als der 3. Oktober – und warum er es trotzdem nicht zum Nationalfeiertag geschafft hat.

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Foto: pollenoid

 

Als sich der 9. November dieses Jahr unaufhaltsam näherte, drehten sich die Räder in den deutschen Medien. 25 Jahre Mauerfall, also fast 25 Jahre deutsche Einheit, das musste resümiert und kommentiert werden. Keine Zeitung, kein Fernsehsender, kein Blog, der keine spezielle Dokumentation zum Thema brachte.

Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls hatte sich auch die Stadt Berlin etwas ganz Besonderes ausgedacht: die Lichtgrenze, eine Lichtinstallation aus 8.000 weißen, hell leuchtenden Ballons, die entlang des ehemaligen Mauerverlaufs aufgebaut wurden. Am Abend des 9. Novembers wurden diese feierlich in den Nachthimmel steigen gelassen, begleitet von Beethovens „Ode an die Freude“. Ein emotionales Ende des Mauerfall-Wochenendes, das von einer Vielzahl an Festlichkeiten und Reden diverser Politiker begleitet wurde. Der 9. November – für Deutschland DER Tag 2014.

Dass in der Nacht des 9. Novembers 1989 die Grenzposten in Berlin die Grenze öffnen würde, damit hatte wohl vorher niemand gerechnet. Wochen zuvor hatten die ersten grossen Demonstrationen in Leipzig, Dresden und anderen Städten begonnen, als noch niemand mit Sicherheit sagen konnte, ob die DDR-Führung sie nicht blutig beenden würde. Sie sollten als „Montagsdemonstrationen“ in die Geschichte eingehen.

Am Abend des 9. November fiel die Mauer schneller, als es sich so manch einer hätte erträumen können. Die auf einer Pressekonferenz verlesene Erklärung der DDR-Regierung über neue Reisebestimmungen für DDR-Bürger liess die Massen zu den Grenzposten stürmen. Diese waren auf eine derartige Situation nicht vorbereitet und nachdem sie dem Andrang der Menschen nicht länger Widerstand leisten konnten, ohne mit Gewalt einschreiten zu müssen, wurden abends die Grenzen geöffnet. Die Bilder von vor Freude weinenden, feiernden Menschen gingen um die Welt. Genauso wie die der ersten Trabbis, die über die Grenze in den Westen rollten. Die Geschehnisse am 9. November waren der Grundstein für die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, die knapp ein Jahr später vollzogen wurde.

Nach dem Mauerfall fanden in der DDR am 18. März 1990 die ersten wirklich freien Wahlen seit Jahrzehnten statt. Die neu gewählte, provisorische Regierung nahm auch an den berühmten Zwei-plus-Vier-Verhandlungen teil, bei denen BRD und DDR mit Frankreich, Grossbritannien, der Sowjetunion und den USA zusammenkamen und über den Prozess der Wiedervereinigung verhandelten, die als neues Ziel erklärt worden war.

Da die DDR vor einem Staatsbankrott stand, sollte die Wiedervereinigung möglichst schnell nach dem 2. Oktober 1990 vollzogen werden. An diesem Tag fand eine Aussenministerkonferenz der KSZE (heute OSZE) statt, bei der die Aussenminister der KSZE-Staaten über die Ergebnisse der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen informiert werden sollten. Für die Festlegung des Datums der Wiedervereinigung gab es also zwei Voraussetzungen: erstens sollte es möglichst bald nach dem 2. Oktober liegen und zweitens nicht mit dem Nationalfeiertag der DDR am 7. Oktober zusammenfallen. Reichlich unspektakulär wurde die naheliegendste Lösung gewählt: der 3. Oktober sollte künftig der Tag der Deutschen Einheit sein.

Allerdings schien eher der 9. November wie gemacht, der neue Nationalfeiertag des vereinten Deutschlands zu werden. Symbolträchtige Daten, die für eine Revolution des Volkes gegen eine Obrigkeit stehen, werden allgemein gerne als Nationalfeiertage gewählt: In Frankreich stürmte am 14. Juli 1789 das Volk die Bastille, womit die Französische Revolution eingeläutet wurde. Und in den USA wurde am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet, ein staatsgründendes Dokument, das den amerikanischen Truppen im Unabhängigkeitskrieg neuen Schwung verlieh.

Trotzdem entschied man sich in Deutschland für den 3. Oktober als neuen Nationalfeiertag. Denn der 9. November hatte einen entscheidenden Nachteil: er hatte in Deutschland bereits eine Geschichte. Allerdings keine ruhmreiche. Am 9. November 1938 wurden deutschlandweit jüdische Geschäfte und Synagogen auf Befehl der Nazis zerstört und in Brand gesteckt. Die Reichskristallnacht war der Höhepunkt der antisemitischen Gewalt und der Beginn der Politik der Nationalsozialisten, die in der Ermordung von Millionen europäischer Juden ihren traurigen Höhepunkt finden sollte. In der Bundesrepublik wurde daher der 9. November zum Gedenktag an die Verbrechen der Novemberpogrome.

Weniger als 50 Jahre nach Kriegsende wurde es daher als unangebracht erachtet, diesen Tag, an dem einst so viel Unrecht geschehen war, zum Nationalfeiertag zu erklären. Diese Entscheidung wird heute von einigen Stimmen kritisiert, ist im damaligen Kontext jedoch absolut nachvollziehbar.

Anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls häuften sich dieses Jahr trotz alledem die Feierlichkeiten und auch die Aufmerksamkeit der nationalen und internationalen Medien lag definitiv auf dem 9. November. Auch wenn es kein offizieller Feiertag ist, Grund zum Feiern gab der 9. November trotzdem: 25 Jahre Fall der Mauer, ein einschneidendes Ereignis, nicht nur für Deutschland.

 

Miriam Mohr