Der Wahrheit auf den Grund gehen

„No one had numbers […] This was the largest audience to ever witness an inauguration. Period.”
Sean Spicer, Pressesprecher des Weissen Hauses

An der Wahrheit gibt es nichts zu rütteln. Eine Aussage, an der wir uns alle festhalten, denn ohne Glauben an das Wahre und Richtige könnten wir uns keine Meinung über Themen bilden. Um die Wahrheit zu konstruieren, vertrauen wir Fakten. Diese müssen für uns plausibel sein und von einer angesehenen Quelle stammen. Der Journalismus und die Wissenschaft sind zwei Institutionen, die der Wahrheitsfindung verpflichtet sind, und denen wir traditionell Glauben schenken. Doch der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf hat gezeigt, dass auch in der westlichen Welt Informationen und Fakten manipuliert werden können, um Partikularinteressen zu verteidigen. Wem schenken wir in der heutigen Zeit also noch unser Vertrauen?

Die eine sieht ein Glas halb voll, ein anderer halb leer. Weitere sehen das Glas zur Hälfte mit Wasser, zur Hälfte mit Luft gefüllt, was das Glas insgesamt voll macht. Jeder sieht dasselbe Gefäss mit demselben Inhalt, und doch wird es unterschiedlich interpretiert. Keine der Aussagen ist falsch, alle berufen auf eindeutigen Fakten.

(Un-)Popularitätsbeweis in der Menschenmasse

Im Anschluss an Donald Trumps Amtseinführung vom 20. Januar 2017 spekulierten die Medien über die Grösse der Publikumsmenge auf der National Mall. Die Meinung war eindeutig: Im Vergleich zu Barack Obamas Vereidigung im Jahr 2009 sei die Mall praktisch leer gewesen, was mit dem untenstehenden Foto, das zur jeweils gleichen Stunde aufgenommen wurde, rechtfertigt wurde.

Die National Mall bei den Amtseinführungen von Trump (links) und Obama (rechts) (Quelle: cnn.com)

Weiter publizierten die öffentlichen Verkehrsmittel von Washington ihre Benutzerzahlen. Die U-Bahn wurde in den Stunden vor elf Uhr an Obamas Amtseinführung von rund 513’000 Personen benutzt, dem gegenüber standen 193’000 Fahrgäste bei Trumps Festivität. Zahlen, die auf eine kleinere Menge schliessen lassen, dies jedoch nicht definitiv beweisen. Denn es konnten auch andere Verkehrsmittel wie Extrabusse benutzt werden. Am Tag darauf publizierte CNN eine 360°-Aufnahme der Amtseinführung, auf der das Publikum vom Capitol aus zu sehen ist. Darauf ist deutlich zu erkennen, dass die Menschenmasse durchgehend bis zum Washington Monument reicht.

Standbild der 360°-Aufnahme von CNN (Quelle: cnn.com)

Ein Pressebriefing der anderen Art

Sean Spicer trat am Tag nach der Amtseinführung mit einer klaren Botschaft für die Medien zum ersten Mal vor die Kameras im Presseraum des Weissen Hauses, die in etwa so lautete: Die Medien hätten falsch berichtet, ab jetzt werde geschrieben, was ihnen gesagt wird. Die Berichterstattung über die Feier sei fehlerhaft gewesen. Er argumentierte, dass gewisse Daten und Fotos sehr wohl ein grosses Publikum bewiesen. Jedoch gestand er ein: „No one had numbers”. Zwei Sätze später diktierte er wiederum den Journalisten: „This was the largest audience to ever witness an inauguration. Period.” Dieser Widerspruch und die Provokation an die Medieninstitutionen und den amerikanischen Journalismus zog weltweit Resonanz nach sich.

Als Konsequenz erschien einen weiteren Tag später White House Senior Advisor Kellyanne Conway in Chuck Todds Show auf CNN. In gewohnter Manier verteidigte sie sämtliche Aussagen und Handlungen der jungen Trump Administration, so auch die Aussage von Spicer.

„He presented alternative facts“

Mit dieser Aussage hat die Trump-Beraterin wohl Geschichte geschrieben. „Fakten seien Fakten, an dem gäbe es nichts zu rütteln.“ – Journalisten zerrissen die Aussage in der Luft:

The Guardian: „Alternative Facts are just lies“

The New York Times: „White House pushes Alternative Facts. Here are the real ones.“

The Washington Post: „Convey says Trump’s team has alternative facts. Which pretty much says it all“

Doch wenn wir über Fakten sprechen, müssen wir uns zuerst darüber einig werden, was darunter verstanden wird. Laut des Merriam-Webster Dictionary ist ein Fakt eine Information, die als objektive Realität präsentiert wird. Objektivität wiederum ist ein Ideal der Philosophie und der Wissenschaft. Sobald eine Beurteilung einer Sache unabhängig vom Betrachter geschieht, kann sie als objektiv eingestuft werden.

Wie wir allerdings im oben genannten Beispiel sehen, ist die Perspektive im wahrsten Sinne des Wortes für eine Aussage ausschlaggebend. Ist somit eine alternative Ansichtsweise von Fakten eine alternative Auslegung deren? Oder sind es dann gar alternative Fakten? Was ist, wenn dieselben Fakten in unterschiedlichen Kontexten präsentiert werden? In diesem Zusammenhang erscheinen die Conways alternative Fakten als aussagekräftiger Begriff. Denn er erinnert an die Gefahr unterschiedlicher Interpretationen und appelliert an den gesunden Menschenverstand, Informationen kritisch zu betrachten. Sobald dieselben wahren Gegebenheiten von einer anderen Seite betrachtet werden, bieten sie eine Alternative zur ersten Auslegung. Am Anfang stand somit lediglich ein Fakt, nun existiert mit derselben Information eine Alternative.

Sean Spicers Pressebriefing will dabei nicht legitimiert werden. Die Journalisten sollten nicht zu irgendeiner Art von Berichterstattung aufgefordert werden, ausser zum Erzählen der Wahrheit. Sein Widerspruch, dass niemand Zahlen gehabt habe und es dennoch die grösste Amtseinführung gewesen sei, deklassiert die Aufrichtigkeit seiner Person und Authentizität seiner Aussagen.

Wer ist heute noch Journalist?

Das Medienpublikum muss sich kritisch mit den ihm präsentierten Meldungen auseinandersetzen. Dennoch ist ein Grundvertrauen in die Medieninstitutionen nötig. In Notfallsituationen vertrauen wir in der Schweiz den offiziellen Meldungen der SRG SSR. Auch weltweit haben die traditionellen Leitmedien die Nase vorn, wenn es darum geht, über Krisen und Gefahren aufzuklären. Dieses Vertrauen wurde durch Fake-News und die heutzutage fliessenden Grenzen zwischen Journalismus, Bürgerjournalismus und bezahlter Berichterstattung erschüttert. Das Web 2.0 hat Plattformen geschaffen, die uns mit Information überhäufen, und die klare Identifizierung von Qualitätsjournalismus wird zunehmend schwieriger. Wie können wir also das Wahre vom Unwahren unterscheiden?

Ziel der Wissenschaft ist die Wahrheit. Es geht um die Gewinnung von Erkenntnissen über die Wirklichkeit. In den exakten Wissenschaften wird Wahrheit über den genauen Umgang mit Zahlen konstituiert. In den Sozial- und Geisteswissenschaften werden Regelmässigkeiten durch Experimente und Beobachtungen herausgefiltert. In der Rechtswissenschaft entscheidet man bei Unkenntnis über die Wahrheit – „in dubio pro reo“ – für den Angeklagten.

Die Suche nach dem Wahren und der Umgang mit dem Unwahren beschäftigt disziplinenübergreifend Forscher und Wissenschaftler. So auch im Journalismus. Journalisten haben keinen geschützten Berufsstand wie Ärzte oder Anwälte. Ethisch korrektes Verhalten kann also nicht juristisch erzwungen werden. Hinsichtlich der Tatsache, dass sie in der Gesellschaft eine zentrale Rolle einnehmen, indem sie den für Demokratien grundlegenden öffentlichen Diskurs sichern, kann dies als fahrlässig angesehen werden. Ihre Verpflichtung zur Erfüllung der Informationsaufgabe basiert lediglich auf Freiwilligkeit. Der Schweizer Presserat definierte dazu in der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten:1 „Journalistinnen und Journalisten, welche dieser Bezeichnung würdig sind, halten es für ihre Pflicht, die Grundsätze getreulich zu befolgen.“ In dieser Erklärung ist bereits der erste der elf Absätze der Wahrheit gewidmet:

[Die Journalisten] halten sich an die Wahrheit, ohne Rücksicht auf die sich daraus für sie ergebenden Folgen und lassen sich vom Recht der Öffentlichkeit leiten, die Wahrheit zu erfahren.

Im obengenannten Fall von Sean Spicer lässt sich ebenfalls Artikel 11 ansprechen:

[Die Journalisten] nehmen journalistische Anweisungen nur von den hierfür als verantwortlich bezeichneten Mitgliedern ihrer Redaktion entgegen, und akzeptieren sie nur dann, wenn diese zur Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten nicht im Gegensatz stehen.

Im zweiten Artikel wird zudem die journalistische Gattung des Kommentares angesprochen, für dessen Freiheit Journalisten zu kämpfen haben. Jedoch ist es in der heutigen Zeit immer wie mehr unmöglich, zwischen Kommentar und Meldung zu unterscheiden. Kommentare sind subjektiv gefärbt, dürfen im Gegensatz zu einer nüchternen Berichterstattung Werturteile erhalten. Ahnungslose Medienkonsumenten könnten bei nicht klar gekennzeichneten Kommentaren die Stimme des Urhebers als neutralen Ausgangspunkt sehen, was in einem vom Zweiparteiensystem geprägten Land wie den USA eine Verzerrung der Realitätsvorstellung zur Folge hätte.

Aussagen auf dem Prüfstand

Im amerikanischen Fernsehen meldeten sich während des Wahlkampfes regelmässig „Fact checkers“ zu Wort. Sie überprüften während TV-Debatten die Aussagen der Kandidaten. Perfide Kleinigkeiten wie die Interpretation einer gesunkenen Mordrate als rekordtiefe Kriminalrate im Falle der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton während der zweiten Fernsehdebatte wurden erfolgreich enttarnt, respektive als „true, but misleading“ eingestuft. Aber auch wissenschaftliche Ansichtsweisen geniessen in den Medien zunehmend einen hohen Stellenwert. Dies vor allem bei Themen, die für das Publikum zu abstrakt erscheinen, wie makroökonomische Krisen oder Lösungen gegen den Klimawandel. Wissenschaftlichen Stimmen wird hier nach wie vor Authentizität angerechnet, jedoch sind diese mittlerweile so divers, dass auch sie nicht mehr eine eindeutige Meinungsbildung zulassen.

Lasst uns das Glas halb voll sehen

Kinder mahnen wir, dass Lügen kurze Beine haben und dass Tatsachen nicht verdreht werden sollen. Doch wie können sie das noch ernst nehmen, wenn respektierte Persönlichkeiten öffentlich dem Faktenverdrehen beschuldigt werden, wissenschaftliche Fakten unterschiedlich interpretiert und je nach Situation verwendet werden? Selbst wenn Lügen kurze Beine haben, existieren tun sie dennoch. Und viele kurzlebige Lügen bilden während eines Zeitraumes trotzdem ein verzerrtes Bild der Wahrheit. Vielmehr muss die nüchterne Betrachtung von Information ermutigt werden. Man muss sich nicht nur der Information und der Quelle bewusst sein, sondern auch den Umständen und den Absichten der Autoren. Wenn beispielsweise eine Meldung davor warnt, dass vermehrt ein schädlicher Stoff in einem Lebensmittel gefunden wurde, so müssen wir Folgefragen bereit haben: In welcher Höhe trat der Stoff auf, und was sind die Normalwerte? Ab welcher Menge ist es für den Menschen schädlich? Wenn wir dies nicht tun, leben wir bald in einem Glashaus. Wir denken die Welt transparent zu sehen, doch die Konstruktion unserer Wirklichkeitsvorstellung basiert auf einer fragilen Auswahl aus einer Flut von Information. Nur wenn diese Wahrheitskonstruktion in unserer Einstellung gegenüber den Medien, der Wissenschaft und allfälligen weiteren Quellen ein solides Fundament findet, ist eine nachhaltige Meinungsbildung möglich.

Mark Stalder

1           http://www.presserat.ch/Documents/Erklaerung2008.pdf