Die elf Heldinnen – wenn Frauen laut werden

Was macht eine Heldin aus? Laut Manon Schick, Geschäftsleiterin der Amnesty International Schweiz, müssen dazu drei Kriterien erfüllt werden: 1. Sie ist eine Frau, 2. Sie engagiert sich, am besten für die Gleichberechtigung der Frauen. 3. Sie stammt aus dem Süden. Ein Paradebeispiel verkörpert die iranische Anwältin und Aktivistin Leila Alikarami. An verschiedenen Orten in der Schweiz halten die beiden Frauen Konferenzen ab, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und um die Feministin in uns zu erwecken.

Auf eine ziemlich kurzfristige Anfrage einer Freundin stiess ich auf die Konferenz, welche pünktlich einen Tag nach dem internationalen Frauentag an der Universität Fribourg abgehalten wurde. Sofort packte ich Stift und Papier zusammen, um mir anzuhören und aufzuschreiben, was Frauenrechts-Verteidigerinnen wie Leila Alikarami oder Manon Schick zu sagen haben. Als ich den Raum betrat, war ich etwas enttäuscht: Es waren weniger Leute anwesend, als ich es erwartet hatte. Diejenigen, welche sich bereits einen Sitz ergattert hatten, waren zum grössten Teil junge Frauen um die Mitte Zwanzig. Vereinzelt sah man in den vorderen Reihen Nonnen und wir meinten auch, die amtierende Miss Schweiz auf den hinteren Bänken erblickt zu haben. Und Männer? Gab es leider wenige – wir tippten auf Mitbringsel der Frauen oder Journalisten. Meine Freundin brachte es auf den Punkt: „So schade, ich glaube nicht viele hier interessieren sich für die Rechte der Frauen!“ Nichts desto trotz warteten alle gespannt auf die ersten Worte der starken Frauen.

„Des femmes qui s’engagent“

Die Konferenz wurde durch Serge Gumy, Chefredakteur der „La Liberté“ eröffnet und moderiert. Manon Schick begann von ihrem neu herausgegebenen Buch zu erzählen. Darin werden elf Heldinnen porträtiert, welche für Frauenrechte kämpfen. Die Tatsache, dass sonst immer Männer als Helden dargestellt werden, motivierte sie das Buch, „Mes héroïnes: des femmes qui s’engagent“ über ihre Heldinnen zu veröffentlichen. „Recht hat sie“, dachte ich und hatte schon Lust, das elfte Kapitel über Leila Alikarami zu lesen. Viel besser als die Sätze über die gebürtige Iranerin zu lesen, war aber sie live zu erleben, so wie sie leibt und lebt.

Leila Alikarami, eine Frau mit Charakter

Die 38-jährige Leila Alikarami hat mit ihrem Ehemann einen, wie sie selber sagt, „bildhübschen Sohn“ – kein Wunder, er hat auch eine sehr schöne Mutter. Ihr elegantes Auftreten machte den Raum stiller und vollkommener, sie strahlte Ruhe und Selbstbewusstsein aus. Auch Manon Schick betonte, von ihr inspiriert zu sein. Für sie repräsentiere Leila eine lebendige, engagierte und geistreiche Frau. Als ich aber Leila Alikarami nach der Konferenz von Nahem betrachtete, meinte ich, in ihren Augen einen gewissen Schmerz zu sehen. Sie sind gekennzeichnet von ihren Erfahrungen, man erkennt, dass sie schon einiges in ihrem Leben erlebt hat und dass das Leben als Aktivistin in Iran bestimmt keineswegs einfach ist. Aber sie leuchteten trotzdem voller Zuversicht und versprühten beim Lachen Hoffnung.

Eine langjährige Freundschaft

Manon Schick hätte sie vor etwa neun Jahren das erste Mal persönlich kennengelernt. Dies jedoch nicht in Iran, da dort die Situation vor allem für Leila Alikarami zu gefährlich war. Sie war ein aktives Mitglied der Kampagne One Million Signatures, um für die Gleichstellung der Geschlechter in Iran zu kämpfen. So wurde sie zum Dorn im Auge der Regierung und wurde durch ihre Einstellung automatisch als Regierungsfeind betrachtet. So trafen sich die Frauen in London, dem aktuellen Wohnort von Leila. Manon war sofort begeistert von Leila Alikaramis Engagement und trotz den negativen Bewertungen anderer, welche sie als moderat oder reserviert bezeichneten, ging sie eine langjährige Freundschaft mit ihr ein, die bis heute andauert. Für Manon Schick symbolisiert die Iranerin eine Heldin, die ihr Leben für die Verbesserung der Frauenrechte in Iran riskiert. Sie hat mehr als fünfzig Fälle vor Gerichte verteidigt, ihr Leben in Iran aufgegeben und wurde teils als Männerhasserin beschimpft. Die Aufopferung zahle sich aber aus: „I am proud and happy to be called a heroine“.

„But then I realized, that I can talk“

Als einer der Gäste sie fragte, was denn ihre Motivation war, Anwältin zu werden, hielt sie kurz inne. Mit geschwellter Brust und kräftiger Stimme erklärte sie uns:

« Women in my country are considered to be second class. A woman’s life in Iran is half- valued to a man’s life. I was always different to my brother or any other man and I didn`t like this treatment, because it was difficult for me. But then I realized, that I can talk. However, there are still a lot of women who don`t dare to talk and to raise their voices. I decided to stand up for these kind of women who are suffering and don’t dare to fight. I wanted to defend them as a lawyer and speak up for these shy women. »

In Iran absolvierte sie erfolgreich ihr Rechtsstudium und setzte ihren Weg in England fort, wo sie in einem Masterstudiengang die Wurzeln von Diskriminierung untersuchte. Diskriminierungen haben Leila Alikarami schon immer beschäftig, so etwa die Art, wie Frauen in ihrer Kultur von Männern unterdrückt werden. Jegliche wichtigen Entscheidungen im Leben einer iranischen Frau hängen von Genehmigungen der Männer ab. Beispielsweise könne der Ehemann die Gültigkeit des Reisepasses seiner Frau jederzeit entziehen und ihr dadurch das Reisen ins Ausland verhindern. Auch war deutlich zu spüren, dass religiöse Diskriminierung, im Sinne von Vorurteilen gegenüber Muslimen, sie sehr wütend macht:

« I am not a religious person, but Muslim and I hate to be judged by my religion or gender. These people, like my mother or my father, are good people. But why does I have to say it every time? I don`t want the people to generalize Muslims, because of one Muslim terrorist. »

Wir Frauen, wir Menschen

Mir schien, als wären die Stunden vorbeiflogen. Durch die anregende Konferenz erhielt ich einen Einblick in eine Welt, in der es sich lohnt zu kämpfen, sich zu engagieren, sein Leben für etwas zu riskieren das einem wichtig erscheint. In Leila Alikarami’s Fall ist es die Gleichberechtigung der Geschlechter. Nichts darf ein Verschieben der Frauenrechtsdiskussion auf Morgen rechtfertigen, da wir Frauen die Hälfte der Population ausmachen.

Wir sind eure Mütter, eure Grossmütter, Freundinnen, Ehegattinnen, Liebhaberinnen, eure Lehrerinnen, Schülerinnen, Nachbarinnen, eure Arbeitskolleginnen, Kindheitsfreundinnen, Schwestern, Ärztinnen, Mistudentinnen und vieles mehr. Wir Frauen sollten überall auf der Welt gleich wie unser Gegengeschlecht behandelt werden, dieselben Rechte haben. Schluss mit der Unterdrückung und Ausnutzung durch die Körperstärke des „stärkeren“ Geschlechts! Weil schlussendlich sind wir, wie Männer, einfach nur Menschen und Lebewesen, die nur ein Leben haben und es verdienen, dieses zu ihrem Schönsten zu machen.

„You are free and you have the rights, so you need to help. It’s a duty of the younger generation, you have to speak up and raise the situation of those women, raise your voice!“ – Leila Alikarami

Buchtipp: „Mes héroïnes: des femmes qui s’engagent“

Manon Schick, Geschäftsleiterin der Amnesty International Schweiz, porträtiert auf 132 Seiten elf mutige Frauen. Starke und inspirierende Persönlichkeiten wie die iranische Anwältin Leila Alikarami, die Aktivistin Marisela Oritz aus Mexiko oder die um Pressefreiheit kämpfende äthiopische Journalistin Serkalem Fasil. So unterschiedlich diese Frauen und deren Kulturen auch sein mögen, sie alle haben etwas gemeinsam: Sie setzten sich trotz jeglichen Risiken für die Gerechtigkeit ein und tragen durch ihr Engagement zu einer besseren Welt bei. 

  • Hier könnt ihr das Heldinnenbuch direkt bestellen:
  • Mehr Informationen über das Buch: amnesty.ch/mes-heroines

Manon Schicks elf Heldinnen

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