Sie wird fast einstimmig von Vertretern der Landwirtschaft unterstützt und trotzdem von vielen Organisationen skeptisch beäugt: Die „Initiative für Ernährungssicherheit“, die vom Schweizer Bauernverband vorgeschlagen wurde. Eine bewusste Einigung oder eine Utopie des Bauernverbands? La Fribune will der Initiative auf den Grund gehen und hofft, dabei auf den wahren Zukunftsgeist in der Schweizer Landwirtschaft zu stossen.

Photographie semences de seigle

Die „Initiative für Ernährungssicherheit“ geht uns alle an. Weil der Import von Gen-Soja keinen Appetit auf mehr macht und wir damit endlich den Schweizer Bauern zeigen können, dass wir sie unterstützen. Jenseits des idyllischen Bilds der ländlichen, traditionsreichen Schweiz sollten wir den Produzenten der Schweizer Lebensmittel Anerkennung zollen.

Woher kommt diese wiederentdeckte Liebe für die ländlichen Regionen, die wir das ganze Jahr über versteckt halten? Läutet dieser plötzliche patriotische Elan ein neues Zeitalter der Schweizer Landwirtschaft ein?

Der Schweizer Bauernverband, um den es auch in unserem ersten Artikel dieser Serie über Lebensmittelsouveränität geht, versteht sich als Sprachrohr einer ökologisch intensiven Schweizer Landwirtschaft. Mit dieser Vision wurde die Initiative entworfen, um eine gesetzliche Basis zu schaffen und eine einheimische Landwirtschaft in der Verfassung zu verankern, die gleichzeitig systematisch, nachhaltig und qualitativ hochwertig ist. Doch das Engagement und die Ambitionen der ersten Stunde scheinen schnell abgenommen zu haben…

Unter dem Slogan „Unser Essen sichern!“ haben viele Landwirte vollen Einsatz gezeigt, um die Bevölkerung für ihre Probleme zu sensibilisieren. Damit ihre Revolution in Gang kommt, mussten sie sich auch dem städtischen Publikum stellen und dieses überzeugen, um Unterschriften für die Initiative zu gewinnen. Sie haben die Initiative für ihre Produktion und für unser aller Zukunft unterstützt. Sie haben ein einzigartiges Engagement bewiesen, begleitet von einem unerschütterlichen Glauben an die Initiative des Schweizer Bauernverbands… Das Problem ist nur, dass sich eine Revolution nicht mit Kompromisslösungen einleiten lässt – und der Vorschlag der Initiatoren ist leider nicht sehr aussagekräftig.

Der Schweizer Bauernverband will den Artikel 104a der Verfassung über die Ernährungssicherheit erweitern. Den Artikel gibt es bereits, aber er besteht lediglich aus einem vagen Satz, den es auf jeden Fall zu konsolidieren gilt: Der Bund sorgt für die Versorgungssicherheit der Bevölkerung. Der Absatz, der von den Initiatoren vorgeschlagen wird, berücksichtigt das Konzept der einheimischen Produktion und fordert, dass der Bund eine Qualitätsstrategie für Lebensmittel umsetzt. Laut dem neuen Artikel 104a 2 soll der Bund dafür Sorge tragen, dass der administrative Aufwand in der Landwirtschaft gering bleibt. Das ist ein Anfang, aber es müsste mehr getan werden, um die Bevölkerung zufriedenzustellen.

Letztendlich scheint das Anliegen, die Schweizer Landbevölkerung mit „etwas, das funktioniert“ zu vereinen, eine ursprünglich ambitioniert und innovativ geplante Initiative in den Hintergrund gedrängt zu haben.

Wenn es um die Schweizer Landwirtschaft geht – also um ein Drittel der Staatsfläche und um etwa die Hälfte aller Postkartenmotive – darf man durchaus ehrgeiziger sein. Der Bauernverband sollte nicht unter dem Kredo der Popularität zurückstecken und damit die eigentlichen landwirtschaftlichen Ambitionen verhöhnen.

Die Initiative schafft es immerhin, ein fundamentales Problem aufzuzeigen, das zukünftig immer wichtiger werden wird, wenn wir uns darüber nicht im Klaren sind. Wie allzu oft in der Schweiz hinterfragt eine Initiative eine bestimmte Thematik und stösst eine Debatte dazu an. Wir alle müssen uns wieder für die Ernährungssicherheit verantwortlich fühlen. Sie muss wieder in den Fokus der politischen Debatte rücken, um die Agrarpolitik nach 2018 planen zu können. Und jenseits der Landwirtschaft muss die Initiative die Ernährungssicherheit wieder auf die politische Tagesordnung setzen. Ein derart komplexes Thema darf auf Bundesebene nicht schnell wieder ad acta gelegt werden.

Im Namen der Schweizer und der internationalen Landwirtschaft muss der Schweizer Bauernverband diese Initiative als Startschuss nutzten, um eine wirkliche grenzüberschreitende Lebensmittelsouveränität zu etablieren. Ihm obliegt nun die schwere Aufgabe, in der Schweiz eine attraktive und solidarische ländliche Welt zu erhalten, die der Bevölkerung eine stabile und vielfältige Landwirtschaft bietet und zugleich die sozialen und ökologischen Erwartungen aller erfüllt. Der Bauernverband muss alles dafür tun, um das Vertrauen der unentbehrlichsten Partner der Landwirtschaft – der Konsumenten – zu festigen.

Für die Schweizer Landwirte, die an der Initiative mitgewirkt haben, sollten wir die Initiative für Ernährungssicherheit unterschreiben. Wir sollten sie als einen ersten Schritt betrachten, als ein Band zwischen der Agrarwelt und uns, als eine erste konstruktive Reflexion über unsere Lebensmittel. Wir sollten sie unterzeichnen, um das System wachzurütteln. Weil wir Studenten, Arbeitnehmer und Verantwortliche sind und uns die zukünftige Ernährungspolitik alle betrifft.

Die Initiative des Bauernverbands braucht unsere Unterschrift, um einen ersten Schritt zu machen in Richtung einer echten Diskussion über Landwirtschaft, Ernährung, Selbstversorgung und Lebensmittelsouveränität.

 

von Ignace Berret

aus dem Französischen von Miriam Mohr

Originalartikel auf Französisch

 

Weitere Informationen: http://www.ernaehrungssicherheit.ch/de