Integration in die Schulen, in den Arbeitsmarkt, in den Alltag – Integration von Flüchtlingen ist zum Dauerthema in den Schweizer Medien geworden. Doch was geschieht in der Zeit, in der Flüchtlinge auf die Bearbeitung ihres Asylgesuches warten oder wenn dieses bewilligt wird? Wir trafen uns mit Verantwortlichen des Projekts „Refugees meet Students UNIFR“, und sprachen über ihre Anliegen, Aufgaben und den Umgang mit Flüchtlingen.

Foto: Vladimir Farine

Foto: Vladimir Farine

Sie stammen aus Nordafrika, Syrien oder Afghanistan und kommen über Mittelmeer- oder Balkanrouten nach Europa. Sie erreichen auf überfüllten Booten die Küsten Italiens und Griechenlands und werden so zum Gegenstand von politisch brisanten Debatten. Flüchtlinge. Diese Informationen entnehmen wir tagtäglich aus den Medien. Wir erfahren vage Hochrechnungen, Dauer von Wartefristen und Zahlen von gewährten Asylgesuchen. Was die Berichterstattung selten abdeckt, ist der Alltag eines Flüchtlings in der Schweiz. Die Seelsorge der Universität Fribourg startete Ende des letzten Jahres das Projekt Refugees meet Students UNIFR. Bei einem afghanischen Mittagessen im Haus Kairos, zu dem das Projekt eingeladen hat, erfuhren wir im Gespräch mit dem katholischen Seelsorger Martin Bergers, wie dieses Projekt den Alltag der Flüchtlinge verändert.

„Ein Austausch zwischen Studenten und Flüchtlingen muss auf einer Ebene stattfinden“, betont Herger. Denn nur so könnten die jungen Männer und Frauen, welche in den Durchgangszentren Centre des Remparts und Centre de Bourg untergebracht sind, authentisch willkommen geheissen werden. Die materielle und finanzielle Versorgung in der Schweiz sei dank Spenden gewährleistet. Was fehlt, ist der menschliche Kontakt. Und diesen bietet Refugees meet Students UNIFR. Auch wenn der Name des Projektes etwas separierend tönt, so geht es in erster Linie um das „meet“, um eine Begegnung auf Augenhöhe.

Diese Begegnungen geschehen in vier Aktivitätsbereichen: Freizeit, Sprachkurse, gemeinsame Mahlzeiten und Patenschaften. Die vier Ressorts leiten jeweils Studenten der Universität Fribourg. Die Psychologiestudentin Elisabeth Overath ist für die Koordination von Sprachkursen, Diskussionsrunden und Tandems verantwortlich. Sie betont, dass die staatlich organisierten sechswöchigen Sprachkurse in keiner Weise ausreichend sind, um die Integration in der Schweiz zu ermöglichen. Dies bestätigt uns Seyar, ein Afghane, dessen Flucht vor drei Monaten in der Schweiz endete. „Die wenigen Wochen Französischunterricht reichen nicht aus. Ich will mehr lernen. Ich will Kontakt mit der Schweizer Bevölkerung haben, ihre Kultur, ihre Politik verstehen.“, sagt er uns beim gemeinsamen Mittagessen. In Afghanistan studierte er ein Jahr an einer technologischen Universität. Das Studium nun fortzuführen, arbeiten zu gehen, Sport zu betreiben, das ist für ihn der Traum. Diese Meinung teilt auch Mohammad, der vor vier Monaten in die Schweiz gekommen ist. Für ihn werden die kleinen Sprachforen, welche das Projekt in Zukunft anbietet, eine willkommene Abwechslung zum Alltag im Foyer, von ihm Camp genannt, bieten. Ziel dieser Sprachkurse ist es, den Grundstein für eine beschleunigte Integration zu legen. Es soll keine Grammatik vermittelt werden, sondern die Alltagssprache angewendet und erweitert werden. Diese Idee findet Anklang nicht nur bei den Flüchtlingen, sondern auch bei den Studenten. Zwei Studentinnen meldeten sich bereits, in Düdingen eine Gesprächsrunde mit Flüchtlingen zur Förderung der Sprachkompetenz ins Leben zu rufen.

Das Projekt Refugees meet students UNIFR ist zwar noch ein junges Projekt, trotzdem melden sich schon zusätzliche Interessierte, die Aufgaben übernehmen wollen, und zum ersten Event des Ressorts gemeinsame Mahlzeiten trafen sich am 18. März bereits über 70 Personen. Zusammen mit einigen Freunden und Mitgliedern des Projekts begann Seyar an diesem Morgen um acht Uhr mit der Vorbereitung für das Essen. Als es fertig gekocht ist, rührt er es aber kaum an. „Es schmeckt halt nicht wie bei mir in Afghanistan“, meint er etwas enttäuscht.

Foto: Vladimir Farine

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Mehr Abwechslung in den Alltag der Flüchtlinge sollen die Freizeitaktivitäten bringen. Ob Sport, Spieleabende, Exkursionen oder einfach geselliges Beisammensein, die Bandbreite an angebotenen Aktivitäten ist gross. Aber auch individuelle Betreuung auf einer 1-zu-1-Basis soll das Projekt ermöglichen, dies im Ressort Patenschaften. Herger ist überzeugt, dass von einem solchen Austausch beide Seiten profitieren. Studenten können dadurch Erfahrungen über den theoretischen Unistoff hinaus sammeln, ihr Verständnis für das aktuelle Thema vertiefen, neue Kulturen kennenlernen und die Schweizer Kultur vermitteln.

Die Flüchtlinge assen bei dem gemeinsamen Mittagessen gratis, die Studenten zahlten jeweils einen Betrag, der ihnen angemessen erschien. Finanziell werden die Aktivitäten von Refugees meet Students UNIFR vom Budget der Seelsorge getragen. Zu Beginn des Jahres hat zudem das Rektorat seine Unterstützung zugesagt. Zur Situation von Flüchtlingen in der Schweiz meint Herger, dass die Prozesse im Grunde gut funktionieren. Den Flüchtlingen stünden pro Tag 12 Franken zur Verfügung, was für Essen, ÖV, Kleidung etc. ausreichen muss. Viele von ihnen besässen ein Handy, was häufig elementarer Bestandteil der Fluchtorganisation gewesen sei. Dies erleichtere jetzt auch die direkte Kommunikation zu Studenten. Er sei aber froh, sich hier engagieren zu können und nicht an den schwierigen Asylanspruchsentscheiden beteiligt sein zu müssen.

Hier an den Anlässen mischt sich die Gruppe von Studierenden und Flüchtlingen während des Essens zunächst noch zaghaft. Doch wir bemerken die Gesprächsfreudigkeit der Flüchtlinge, die Bereitschaft, ihre Geschichte zu erzählen. Die Basis für einen fruchtbaren Austausch ist somit sicherlich vorhanden.

Wer sich selbst ein Bild vom Projekt machen und an einem Event teilnehmen möchte, kann dies schon bald tun. Am 26. April lädt Refugees meet Students UNIFR ab 17.15 Uhr zu einem Besuch des Bibel und Orientmuseums der Uni Fribourg ein. Weitere Details zum Event und zum Projekt sind auf ihrer Facebookseite zu finden. Wer sich für ein Engagement interessiert, kann sich auf der Seite der Universitätsseelsorge weiter informieren und einschreiben.

von Mark Stalder