Schon als Student kann es schwierig sein, eine geeignete Wohnung zu finden, die nicht das Budget sprengt. Daher leben in der Schweiz viele Studierende in Wohngemeinschaften, in denen die Kosten geteilt werden und man mit anderen jungen Menschen seinen Alltag teilt. Warum sollte diese unkomplizierte Art des Wohnens nicht auch geflüchteten Menschen offen stehen, die neu in der Schweiz angekommen sind? La Fribune hat mit zwei Freiwilligen von wegeleben gesprochen, einem Projekt, das WG-Zimmer an Geflüchtete vermittelt.

wegeleben

Als Neuankömmling in einer fremden Stadt ziehen junge Leute und Studierende gerne in WGs. Die Vorteile sprechen für sich: man kann sich Miete und Fixkosten teilen, lernt neue Leute kennen und kann so in einer unbekannten Umgebung gleich Freundschaften knüpfen. Warum soll dasselbe nicht für geflüchtete Menschen möglich sein, die in die Schweiz kommen und die hiesige Kultur kennenlernen möchten? In der Schweiz angekommen, leben die meisten zunächst in Asylunterkünften, bis sie je nach Asylstatus ihre eigenen vier Wände bekommen können. Doch Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen ist oft nicht einfach, was die Integration von geflüchteten Menschen in die Schweizer Gesellschaft noch erschwert. Genau hier setzt wegeleben an: das Projekt, welches vor einem Jahr von den beiden Bernern Gian Färber und Méline Ulrich gegründet wurde, möchte Geflüchteten die Chance geben, mit anderen jungen Menschen in einer WG zu leben. Mittlerweile gibt es bereits fünf kantonale Gruppen von wegeleben, die autonom agieren und auf lokaler Ebene nach Wohnmöglichkeiten für die „Newcomer“ – wie sie geflüchtete Menschen in der Schweiz nennen – suchen.

In Fribourg leiten die beiden Studentinnen Leonie Mugglin und Sophia Delgado das Projekt gemeinsam mit Linda Bergauer. Inspiriert von der deutschen Initiative Flüchtlinge willkommen, die ebenfalls WG-Zimmer für Geflüchtete sucht, entstand schnell die Idee, auch hier ein ähnliches Projekt ins Leben zu rufen. Von wegeleben waren die beiden sofort überzeugt und beschlossen, die Fribourger Sektion dem Projekt anzugliedern. „Ich habe gedacht, es bringt ja nichts, zwei gleiche Projekte mit verschiedenen Namen zu gründen und habe beschlossen, mich wegeleben anzuschliessen. Ich wollte das gerne in Fribourg machen, weil ich in Fribourg aufgewachsen bin und damit das Projekt auch in die Westschweiz kommt“, erzählt Leonie. Noch steht das Projekt aber ganz am Anfang. Nachdem zunächst eifrig Werbung betrieben und Flyer verteilt wurden, beginnen die Studentinnen jetzt, die ersten Kontakte zwischen Newcomern und WGs herzustellen.

„Wir haben erst im Februar damit angefangen, Leute zu kontaktieren, die interessiert wären, geflüchtete Menschen in ihre WG aufzunehmen, und geflüchtete Menschen, die gerne in einer WG wohnen würden. Es läuft alles erst langsam an, denn es braucht Zeit, den Kontakt aufzunehmen und die WGs zu treffen“, erklärt Sophia, die von Leonie für das Projekt wegeleben begeistert werden konnte. Bislang hätten sich aber schon mehrere WGs gemeldet, die bereit sind, einen Newcomer aufzunehmen. Die Caritas, die in Fribourg für die Wohnungssuche von anerkannten Flüchtlingen zuständig ist, habe wegeleben auch schon Kontakte von interessierten Personen vermittelt und bald könnten die ersten Kennenlern-Treffen stattfinden.

Dabei sei es zunächst wichtig, den Newcomern zu erklären, wie das Konzept der Wohngemeinschaft eigentlich funktioniert. „Wir versuchen immer, den persönlichen Kontakt herzustellen. Wir wollen nicht nur eine Vermittlungsstelle sein, sondern die Newcomer auch wirklich treffen. Wir haben uns auch schon mit einer Gruppe getroffen und versucht zu erklären, was eine WG eigentlich ist und was das beinhaltet. Dann treffen wir alleine die WG und erklären ihnen, wie das ganze aussieht und dann kommt es erst zu einem Treffen“, erklärt Leonie. Auch nach dem Einzug des Newcomers steht wegeleben noch bei eventuellen Fragen oder Problemen als Ansprechpartner zur Verfügung. Trotzdem sollte ein Geflüchteter als ganz normaler Mitbewohner in eine WG einziehen. Sophia berichtet, viele interessierte WGs seien anfangs unsicher, was genau auf sie zukomme: „Oft werden wir gefragt, wie zeitintensiv es ist oder wie sich die WG um den neuen Mitbewohner kümmern muss. Wir denken, dass der Newcomer ein normaler Mitbewohner sein soll, der auch seine Mietkosten selbst begleicht. Die Leute haben alle ihre Kontaktstellen und Sozialarbeiter und die WG sollte vielleicht bei kleinen Problemen im Alltag helfen. Wie man es auch bei einem Austauschstudenten machen würde, der neu in der Schweiz ist.“

Das Projekt soll für alle offen sein, also auch für Menschen, deren Asylgesuch noch nicht offiziell anerkannt ist. Asylsuchende haben zwar weniger Geld für Miete zur Verfügung als Menschen mit anerkanntem Asylstatus, in Fribourg sei es jedoch viel realistischer als in anderen Schweizer Städten, eine WG für ein kleineres Budget zu finden. „Es ist natürlich auch möglich, dass Asylsuchende einen negativen Bescheid bekommen und aus der Schweiz ausreisen müssen. Es ist unsicherer, aber solche Verfahren können auch sehr lange dauern und die Person ist zum Teil über Jahre hinweg hier. Deswegen halten wir es für wichtig, dass sie auch mit Schweizern Kontakt haben und zusammen wohnen, um eine Chance zu haben, die Sprache zu lernen“, findet Sophia. Leonie ergänzt: „Ich finde es eine super Sache, denn obwohl ein paar Menschen zurück müssen, bleiben viele hier und da ist es wie ein erster Integrationsschritt. Man kann die Schweizer Kultur wahrscheinlich sonst nirgends so gut kennenlernen, wie wenn man mit Leuten zusammenlebt.“

Zwar müssen am Anfang oft einige Sprachbarrieren überwunden werden, doch viele Geflüchtete könnten sich bereits sehr gut verständigen. „Wir haben uns jetzt schon mit einigen Personen getroffen und gewisse können sehr gut Englisch und oft auch sehr gut Deutsch oder Französisch, wenn sie schon länger hier sind“, erzählt Sophia. „Mit anderen ist die Kommunikation etwas schwieriger und braucht somit einfach etwas länger. Es ist mit am wichtigsten, kommunizieren zu können und das Projekt wegeleben zu verstehen. Sagen zu können, dieses Zimmer gefällt mir oder nicht, ich bevorzuge Nichtraucher oder keine Haustiere oder solche ganz banale Sachen.“ Fribourg als zweisprachige Stadt stellt das Projekt noch vor zusätzliche Herausforderungen, da ein Newcomer möglichst an eine WG vermittelt werden sollte, die die Sprache spricht, die er schon gelernt hat. Trotzdem sei Fribourg als kleinere Studentenstadt generell sehr offen gegenüber geflüchteten Menschen.

Wie viel Anklang wegeleben hierzulande findet, zeigt die Arbeit der Gruppe in Bern, wo seit letztem Sommer schon mehr als 34 WGs mit geflüchteten Menschen zustande kamen. Obwohl das Projekt in Fribourg noch am Anfang steht, spricht sich das Engagement der Studentinnen langsam herum und stösst auf grosses Interesse. Eine WG, mit der eine Zusammenarbeit am Ende doch nicht zustande kam, habe das Projekt beispielsweise einer befreundeten WG weiterempfohlen, die jetzt interessiert ist, einen Newcomer aufzunehmen. „Unser Ziel ist es auch, dass die Leute uns besser kennen und dass sie auf uns zu sprechen kommen. Man spürt, dass das langsam passiert“, sagt Leonie. Auch wenn es in Fribourg bisher noch in einem kleinen Rahmen bleibt, findet sie es wichtig, einen Denkanstoss zu bieten. „Schlussendlich sind wir schon in mehreren Kantonen vertreten und das Projekt kann schon viel zur aktuellen Debatte beitragen, weil es um direkte Integration geht. Sich näher kommen durch das Zusammenleben und helfen, Ideen von den Medien über „den Flüchtling“ abzubauen. Solche Projekte sind sehr wichtig für diese Debatte, die in den Medien und der Politik geführt wird.“ Sophia betont vor allem die Wichtigkeit von langfristigen Lösungen und Organisationen in der Gesellschaft: „Was ich mir wünsche ist, dass das Projekt zeigt, dass es funktionieren kann: Menschen können miteinander leben. So können wir vielleicht ein positives Beispiel aufzeigen.“

Wer sich dafür interessiert, einen Newcomer in seine WG aufzunehmen, kann sich an fribourg@wegeleben.ch wenden oder die Gruppe auf Facebook besuchen.