Dank kontinuierlichen Fortschritten in der Medizin gibt es heute immer bessere Behandlungsmöglichkeiten für Leukämie und andere Erkrankungen des Knochenmarks. Allerdings ist die Schweiz, was die Anzahl der registrierten Stammzellspender betrifft, das Schlusslicht im internationalen Vergleich. Wir haben die Studentenvereinigung Marrow getroffen, die hier etwas ändern will.

Photographie de deux membres de l'association Marrow

Knochenmark oder Stammzellen zu spenden, das klingt nicht gerade nach einem Spaziergang. Viele gehen ohne mit der Wimper zu zucken Blutspenden, aber zögern, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen. Dabei verpflichtet man sich mit der Registrierung zu nichts und man braucht dafür auch keine Narkose… Kurz gesagt, in der Schweiz herrschen eine generelle Uninformiertheit und ein gewisser Vorbehalt gegenüber der Knochenmarkspende. Und die Zahl der registrierten Spender ist ein trauriges Zeugnis dafür.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Erkrankungen des blutbildenden Systems, zu denen beispielsweise Leukämie gehört. Das Knochenmark, in dem die Blutzellen (weiße und rote Blutkörperchen sowie Blutplättchen) gebildet werden, enthält eine gewisse Anzahl an Zellen, die Stammzellen genannt werden. Durch ihre ständige Vermehrung, die sog. Hämatopoese, wird die Produktion der Blutzellen sichergestellt. Bei einer Erkrankung des blutbildenden Systems, wie zum Beispiel Leukämie, wachsen die Stammzellen unkontrolliert und behindern dadurch die Produktion neuer Blutzellen. Der Austausch der defekten Stammzellen ist also oft die letzte Hoffnung für Betroffene. Durch Chemo- und Strahlentherapie wird das Knochenmark des Patienten „abgetötet“ und ihm werden Blutstammzellen eines geeigneten Spenders übertragen, damit der Körper selbständig neues Knochenmark bilden kann.

Indes gibt es zwei wichtige Fakten, die von der Öffentlichkeit oft falsch verstanden werden: Erstens haben die Stammzellen, von denen hier die Rede ist, nichts mit den embryonalen Stammzellen zu tun, über deren Verwendung in der Forschung wilde Debatten geführt wurden. Zweitens darf das Knochenmark nicht mit dem Rückenmark, das alle unsere Nerven enthält, verwechselt werden.

Obwohl die Medizin auch heute noch im Kampf gegen viele Krebsarten machtlos scheint, gehört Leukämie zu einer Gruppe mit vergleichsweise guten Heilungschancen. Doch damit diese Heilungschancen so gross wie möglich sind, muss die Übereinstimmung zwischen Empfänger und Spender möglichst hoch sein. Je grösser also die Spenderkartei, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, für jeden Patienten einen geeigneten Spender zu finden.

Und genau dort liegt das Problem: der Mangel an registrierten Spendern reduziert die Erfolgschancen der Stammzellentherapie. Eine paradoxe Situation für ein Land mit einem so anerkannten und effizienten Gesundheitssystem wie der Schweiz… Bisher profitiert die Schweiz vor allem von der internationalen Zusammenarbeit. Mit nur 50.000 registrierten Spendern hinkt sie im internationalen Vergleich eindeutig hinterher. Diese magere Zahl ergibt sich aus dem Mangel an Aufklärung, was wiederum auf die geringe Bekanntheit auf nationaler Ebene zurückzuführen ist.

Hier möchte die Studentenvereinigung Marrow ansetzen. Marrow, die 2013 den Preis für das beste Projekt der Schweizerischen Vereinigung für Medizinstudierende SWIMSA erhalten hat, ist eine Initiative, die in Fribourg noch am Anfang ihres Engagements steht. Ihr Ziel? Die Stammzellspende in der Schweiz bekannter zu machen, um die Bevölkerung für diese lebensrettende Methode zu sensibilisieren. Eine Strategie, die sich in England schon bewährt hat: seit Beginn des Engagements des dortigen Projekts sind die Neuregistrierungen im Land der Queen um 25% gestiegen!

Bei einem Apéro erklären uns Laurine Hofmann und Alice Tillbury, zwei Mitglieder von Marrow, die Ziele für das erste Jahr des Projekts in Fribourg. Die Zielgruppe, die sie zuerst ansprechen möchten, sind vor allem Medizinstudenten – auch ein Hinweis darauf, wie schwer es ist, sich in der gemeinen Bevölkerung Gehör zu verschaffen. „Das ist ein Publikum, das für diese Methode viel offener ist, sagen wir weniger skeptisch… Aber wir wollen auch versuchen, bald in den anderen Fakultäten bekannt zu werden! Wir müssen erreichen, dass der Name Marrow für die Sache steht, die wir vertreten.“ In diesem Sinne hat die Vereinigung am 3. April bereits einen Abend unter dem Titel „PROMETHEUS X-Rays“ organisiert. Kommenden Mittwoch (10.04.) folgt eine Konferenz mit Professor Yves Chalandon, Onkologe am Universitätsklinikum in Genf, an der Uni Pérolles, bei der interessierte Studenten noch mehr über Stammzellspende erfahren können.

Ein weiteres Ziel von Marrow ist es, der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, dass eine Registrierung einfach und unverbindlich ist. „Wir sind überzeugt, wenn die Leute hören, dass man sich nur in einer Kartei registrieren, ein Formular ausfüllen und ein bisschen Speichel auf ein Wattestäbchen geben muss, ist im Prinzip jeder bereit, sich registrieren zu lassen“, erklären die engagierten Studenten. „Und dann wartest du – manchmal mehrere Jahrzehnte – bis deine Stammzellen benötigt werden. Und wenn das der Fall ist, wird die ganze Sache plötzlich total konkret: deine Zellen können jemanden retten. Wer würde in einem solchen Moment schon einen Rückzieher machen? Vor allem, weil heutzutage meistens nicht mal mehr eine Narkose nötig ist, sondern Blutstammzellen durch Stammzellaphärese (eine Methode, bei der einige Blutstammzellen schmerzfrei aus dem Blut herausgefiltert werden, Anm. d. Red.) gespendet werden können.“

Eine Knochenmarkspende ist auf jeden Fall einfach und birgt für den Spender kaum Risiken – und kann Leben retten. Wenn es also so einfach ist, warum lassen wir uns nicht einfach registrieren? Die Schweizerische Vereinigung SBSC (Swiss Blood Stem Cells) hofft,  die Spenderkartei 2014 um 15.000 Namen zu erweitern. Wir alle sind potentielle Lebensretter!

 

von Alexandre Dupraz und Lorin Froehlich

aus dem Französischen von Miriam Mohr

Originalartikel auf Französisch

 

Links:

Internetseite von Marrow

Internetseite von SBSC