Dass die Modebranche uns Konsumenten viele Dinge über die Kleidung, die wir tragen, verschweigt oder beschönigt, ist längst kein Geheimnis mehr. Die menschenunwürdigen Bedingungen der Arbeiter der Textilindustrie in Bangladesch waren wochenlang das Topthema in den Medien, Pelz trägt heute fast niemand mehr. Trotzdem kommen bei der Herstellung unserer Klamotten Tiere und die Umwelt mehr zu Schaden, als wir glauben. Doch was können wir dagegen tun?

Kleidung

Foto: tanakawho

 

Als Mensch mit einem „normalen“ Gewissen hat man es heutzutage sowieso schon nicht leicht: Vegetarier, Veganer, PETA, Oxfam, Amnesty International, WWF, Greenpeace und noch viele mehr erzählen uns tagtäglich, wie schlecht wir mit unserem Planeten umgehen. Durch Mülltrennung, Energiesparlampen und Nutzung der ÖV versuchen wir, im täglichen Leben etwas Gutes zu tun. Wir kaufen nur Eier aus Freilandhaltung und achten beim Einkauf auf möglichst regionale Produkte. Was allerdings soll man als umsichtiger Mensch anziehen?

Verzicht auf Pelz ist schon seit Langem eine Selbstverständlichkeit. Spätestens seit einer Kampagne der Tierschutzorganisation PETA, bei der man auf grossen Plakate mehr nackte Haut von Prominenten sehen konnte, als einem lieb war, ist das Tragen von toten Tieren gesellschaftlich verpönt. Zu schockierend sind die Bilder von zuckenden, kopfüber aufgehängten Kaninchen, die bei lebendigem Leibe gehäutet wurden. Designer, die heute noch Kollektionen mit Pelz entwerfen, müssen bei ihren Modenschauen mit einer Horde von Demonstranten und negativer Presse rechnen. Dass allerdings Aktivisten Schaufenster von Schuhgeschäften mit wüsten Beschimpfungen besprühen, um gegen die Verwendung von Leder in der Schuhproduktion zu protestieren – das sieht man selten bis nie. Leder hat ein sauberes Image: Es ist ein natürliches Produkt, lange haltbar und jeden Winter total im Trend. Niemand scheint daran zu denken, dass auch für die Lederherstellung Tiere sterben.

Zwar ist Leder ein Nebenprodukt der Fleischproduktion, was aber noch lange nicht bedeutet, dass die Ledertasche aus übriggebliebenen Häuten von glücklichen Schweizer Kühen hergestellt wurde. Die meisten Lederprodukte stammen aus China, Italien und Südamerika, wo Massentierhaltung Gang und Gebe ist und Tierquälerei oft kritisiert wird. Die Tiere werden zwar nicht direkt für ihre Haut gezüchtet und geschlachtet, aber trotzdem oft unter unwürdigen Bedingungen gehalten. Umweltschützer kritisieren ausserdem die Verwendung von umwelt- und gesundheitsschädlichen Stoffen bei der Lederproduktion. Ein häufig angewandtes Verfahren ist die Gerbung mit Chrom, für die unter anderem Chrom(III)- und Aluminiumsalze verwendet werden, und bei der hochgiftige Chrom(VI)-Verbindungen entstehen. Diese können bei nicht sachgerechtem Umgang in den Lederprodukten zurückbleiben und sind hochgiftig und krebserregend. Pflanzliche Gerbstoffe sind eine umweltfreundliche Alternative, allerdings auch viel teurer als die preisgünstige Gerbung mit Chromsalzen.

Auch andere Materialien, wie Wolle, Seide und Daunen, werden von Tierschützern scharf kritisiert. Wer also weder die Massenhaltung von Schafen in Australien und Neuseeland, das Kochen bei lebendigem Leibe von Seidenraupen oder das grausame Rupfen von wehrlosen Vögeln unterstützen will, sollte auch auf diese Materialien verzichten. Also keine flauschige Winterdecke mehr, kein kuscheliger Wollpullover (den man notfalls auch selber stricken könnte, damit keine Kinder in Südasien dafür arbeiten müssen) und auch keine luftige Seidenbluse. Baumwolle ist als Material für Kleidung zwar beliebt, kann aber leider auch keine weisse Weste vorweisen: Für die Herstellung von Baumwolle wird extrem viel Wasser benötigt, das in den produzierenden Ländern besser für andere Dinge genutzt würde, und die Umwelt wird mit besonders aggressiven Pestiziden und Düngern belastet. Immerhin gibt es mittlerweile Fair Trade und Bio-Baumwolle, die sogar bereits bis in die Regale von H&M vorgedrungen sind.

Als Alternative zu den natürlichen Materialien werden tier- und vermeintlich umweltfreundliche Kunstfasern und synthetische Materialien empfohlen. Doch bei genauerem Hinsehen sind auch diese nicht unproblematisch, da viele aus Erdöl gewonnen werden und sich somit negativ auf die Klimabilanz auswirken. Was bitteschön soll man als umweltbewusster, tier- und menschenfreundlicher Mensch dann noch anziehen? Kein Material scheint alle Kriterien zu erfüllen. Muss man sich in Zukunft also die Frage nach den persönlichen Prioritäten stellen: Möchte ich ein T-Shirt kaufen, das unter fairen Bedingungen für die Arbeiter hergestellt wurde, eine Jeans, die die Umwelt bei der Produktion nicht belastet hat oder einen Pullover, für dessen Fertigung keine Tiere leiden mussten? Alles zusammen scheint kaum möglich zu sein, so deprimierend es auch klingen mag.

Viele Internetseiten empfehlen den Kauf von ökologischer und Fair-Trade-Kleidung, für deren Herstellung bestimmte Kriterien gelten. Mittlerweile hat sich für solche Kleidung ein eigener Markt entwickelt und es gibt viele Homepages, die ausschliesslich Öko-, Fair Trade oder sogar vegane Marken führen. Doch auch bei den Labels, die eine besonders ökologische oder gerechte Produktion proklamieren, ist Vorsicht geboten, denn nicht alle Labels schreiben wirklich nützliche Regeln vor oder kontrollieren die Einhaltung dieser auch. Einen Überblick über die wichtigsten Gütesiegel für Kleidung gibt die Organisation RESET.

Die Produktion von Ökokleidung hat natürlich auch ihren Preis und die Endprodukte kosten meist ein paar Franken mehr. Wer nicht so viel Geld ausgeben kann oder möchte, dem wird geraten, die besagte Kleidung möglichst lange zu tragen oder in Second-Hand-Shops und auf Tauschbörsen weiterzuverkaufen. Wer ein Kleidungsstück nach einer Saison wegwirft, obwohl es noch einwandfrei in Ordnung ist, der tut damit sich und der Umwelt keinen Gefallen. Eine persönlichere Alternative zu Second-Hand-Läden sind Kleidertausch-Partys, zu der jeder Gast Klamotten mitbringen kann, die er nicht mehr trägt. Bei einem Apéro wird dann eifrig getauscht und am Ende geht jeder mit „neuen“ Klamotten nach Hause. Das hat gleich zwei schöne Nebeneffekte: Kleider, die bei dem einem ungetragen im Schrank liegen, wandern nicht in die Tonne, sondern machen einem anderen eine Freude und werden so viel länger getragen.

Es soll hier keine fadenscheinige Rechtfertigung für den Kauf von Lederwaren oder in Bangladesch gefertigten H&M-Klamotten gegeben werden. Bei genauer Betrachtung ist beides ethisch nicht vertretbar. Allerdings sind bei genauer Betrachtung die meisten Produkte, die man in europäischen Läden und Supermärkten kaufen kann, nicht unter idealen Bedingungen produziert worden. Niemand kann auf alles achten und alles boykottieren, ein komplett reines Gewissen haben. Aber sich über Missstände zu informieren und Prioritäten zu setzen ist ein Anfang. Genau wie beim Verzehr von Fleisch gilt auch bei Klamotten: Man muss nicht gleich zum Vegetarier werden, um vielen Tieren Leid zu ersparen – aber auf die Herkunft des Fleisches sollte man schon achten und nicht jeden Tag fünf Schnitzel verzehren.

 

Miriam Mohr